2016 Complete Anthology (Begleittext)

XYNN - ES LEBE DIE APOKALYPSE!

von: MICHAEL FUCHS-GAMBÖCK 

„Ein Angriff auf alle Sinne” … „eine schaurig-groteske Zukunftsvision“ …
die „Warnung vor dem Untergang“, so schrieb die Presse einst über das Projekt XYNN. Und: „Die XYNN-Show wird, solange es eine Welt gibt und eine Menschheit, keinen Funken an Aktualität verlieren.”

XYNN ist das Pseudonym des Multimediakünstlers Michael Winter. Der inzwischen Mitt-60er aus Süddeutschland konzipierte Ende der 1970-er eine unvergleichliche, rasante, aber auch düstere „Show, in welcher er Musik, Text, Licht, Filmprojektionen, Pantomime und Theaterfragmente mit Masken und Kostümen verband.“ So das  Internet-Portal „wikipedia”.

„Musik und Text sind für mich die Grundlage einer Gesamtaussage, die dann bei der Performance durch den Einsatz aller Elemente der sinnlichen Wahrnehmung verdichtet wird”, erklärt  Michael Winter. So ließ er z.B. beim Titel „Radioactive Raindrops“, anfangs fast unbemerkt, Wassertropfen aufs Publikum fallen. „Inhaltlich stand stets Gesellschaftskritik im Vordergrund, etwa die Umweltproblematik oder die innere Vereinsamung des Menschen in einer übertechnisierten Zeit.“ XYNN – ein Visionär? „Nein, die Dinge lagen damals schon auf der Hand, man wollte sie nur nicht wahrhaben. Die meisten dieser „Visionen“ haben uns längst eingeholt: Tschernobyl, PCs und Handys, die Schulreform …  „Computed Man“.

“Und weil XYNN und sein Konzept bis heute nichts an Aktualität verloren hat, werden jetzt alle drei produzierten Alben dieses ungewöhnlichen und spannenden Projekts neu veröffentlicht, komplett und digital remastered. „Dreams About Reality” erschien 1980, „Computed Man” ein Jahr später, und „Lost In Space”, das in einer englischen und deutschen Version aufgenommen wurde, 1983. Michael Winter dazu: „Meine ersten beiden LPs sind Konzeptalben mit inhaltlichem Bogen und fließenden musikalischen Übergängen. Sie sollten im Zusammenhang gehört werden. Bei „Lost In Space“ dagegen ist jedes Stück für sich auf den Punkt gebracht. Das Album ist absolut zeitgemäß und erzeugt bei mir heute noch eine Gänsehaut.“

Wegen der Komplexität der Musik wurde von manchem hinter XYNN eine Band vermutet. Die gab es nie. Aber es gab hochkarätige Mitstreiter, die ihn im Studio unterstützten. Allen voran der Keyboarder Kristian Schultze, der auch die Arrangements übernahm, und der Ausnahme-Trommler Curt Cress, der bei den letzten beiden Alben dabei war. „Es war eine geniale Besetzung, die meiner Musik unglaubliche Glanzlichter aufsetzte“, schwärmt Winter. „Ich bin bis heute dankbar dafür.“

Michael Winter hat in XYNN die verschiedensten Einflüsse seiner Zeit zu etwas ganz Neuem verarbeitet: Roxy Music, Kevin Ayers, Pink Floyd und Peter Gabriel, für dessen Tournee er auch als Opening Act im Gespräch war. „Eigentlich komme ich aus der Folkrock-Ecke und stieß Ende der Sechziger zur Protest-Bewegung”, schildert Winter seinen musikalischen Werdegang. „1972 schrieb ich die ersten eigenen Songs und trat damit in Clubs und Diskotheken auf. Bald kamen Kostüme, Tonbandeinspielungen und Dia-Projektionen dazu. Die Protestsongs mutierten zu New Wave und dann zum Progressive Rock. 1979 war ich Teil von Marianne Sägebrechts verrückter „Rainbow Family“ und ihrer legendären „Opera Curiosa“. Danach entstanden drei weitere XYNN-Shows, multimedial erweitert und perfektioniert, und ich hatte damit über 300 Auftritte in Deutschland, Österreich, der Schweiz und den Niederlanden.

“XYNNs Live-Shows in Verbindung mit seiner originären Musik waren wegweisend für die damalige Szene. Deshalb wurde ihm von den Medien gerne das Prädikat „deutscher David Bowie” verliehen. Als Michael Winter 1995, also 15 Jahre danach, die „XYNN-Revival-Show“ auf die Bühne brachte, schrieb die „Passauer Neue Presse“: „Ob als Pantomime oder als abgewrackter Rocksänger, ob als Flower-Power-Heilewelt-Barde oder Astronaut - Faszination und Ernüchterung durch Illusion: Winter jongliert mit Licht- und Geräuscheffekten so gekonnt und hemmungslos wie mit den Emotionen des Zuschauers. Die Xynn-Show ist ein gut zweistündiger, stellenweise wie mit dem Presslufthammer verdichteter, multimedialer, hochkalorischer Festtagskuchen, der alle Sinne bis aufs Äusserste strapaziert - aber auch reizt! Und mundet, bis man meint, man platzt.” Winter meinte dazu nur lakonisch: „Ich habe den Faden von damals einfach wieder aufgenommen.“

Gab es auch Kritik an XYNN? „Aber ja! Vornedran die Verweigerung meiner Person. Das Publikum will ein Idol auf der Bühne, dem es zujubeln kann. Das war aber mit dem Konzept der XYNN-Show nicht vereinbar. Die Aussage sollte im Vordergrund stehen, nicht der Künstler. Deshalb agierte ich auch mit Masken und Kostümen. Und … es gab keine Zugabe. Die Show lief ab wie ein Film und am Ende war alles gesagt. Obwohl ich den Zeigefinger immer vermied, jeder sollte selbst seinen Standpunkt zu den Dingen finden, kamen einige Sequenzen für manche wohl sehr provokant rüber. Das löste Aggressionen aus und so flogen doch ab und zu Bierflaschen auf die Bühne.“

Eine explosive Show und eine explosive Musik-Karriere, und dann? „Tja … dann kamen die Musikkassetten auf den Markt und die Plattenindustrie ging in die Knie. Es war kein Geld mehr da für Avantgarde-Projekte. Ohne Firmen-PR war XYNN live schwer durchzuziehen. Aber ich hatte zu der Zeit schon mein Fable für das alternative Theater entdeckt. Einige Elemente davon waren ja bereits in den XYNN-Shows enthalten und so war der Übergang fast nahtlos. Ein neues Feld, auf dem es viel zu entdecken gab und das meine Kreativität herausforderte. Und eine schöne Parallele: Auch hier muss man am Anfang das Publikum an der Hand nehmen und es sorgsam durch alle Höhen und Tiefen führen bis der letzte Vorhang fällt.“

Warum ist gerade jetzt der Zeitpunkt gekommen, XYNN wieder ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken? „Es passt! Die Retro-Welle zeigt es. Man erinnert sich an die Qualitäten längst vergangener Jahre, verarbeitet sie und schafft Neues daraus. Auch die Bereitschaft zu kritischem Denken ist zurückgekehrt. Musikalisch wie inhaltlich passt XYNN hier bestens ins Bild. Nur … XYNN ist keine Avantgarde mehr, seine Musik ist zeitgemäßer Pop, und das ist gut so. XYNN ist nach 35 Jahren im Mainstream angekommen, und das im besten Sinne des Wortes.“

Dann kann man sicher bald irgendwo die „ultimative XYNN-Revival-Show“ sehen?! Winter darauf lächelnd: „No comment!“ … und man bekommt den Eindruck nicht los, dass er nach dem nächsten Interview sagen wird: „Ich habe die Fäden von damals einfach wieder aufgenommen!“